Schulchronik Bürgerschule
 

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Bürgerschule und Progymnasium

Die ersten hundert Jahre

1. Vorstufen

Als Dietrich von Velen 1630 die "Papenborch" vom Bischof von Münster übertragen bekam und im folgenden Jahr den Plan fasste, im Moor rund um die verfallene Burg Kolonisten anzusiedeln, war von Schule und Unterricht noch nicht die Rede. Papenburg blieb in den ersten Jahrzehnten ein nur kleiner Ort. 1662 - 30 Jahre nach der Gründung - gab es in Papenburg erst 14 Häuser, und am Ende des Jahrhunderts (1699) waren es 74. Der erste Schulunterricht fand nach der Errichtung der Kirche St. Antonius 1680 in der neben der Kirche stehenden Schule statt, die deshalb Kirchschule genannt wurde. Kirche und Schule standen damals auf dem Eckgrundstück Hauptkanal / Friederikenstraße. Die Ämter des Lehrers, des Küsters und später auch des Organisten waren lange Zeit in einer Person vereinigt. Erst als Papenburg im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich aufblühte, als Schifffahrt, Schiffbau und Handel immer mehr das Bild der Stadt bestimmten, entstand das Bedürfnis nach einer über die Grundkenntnisse hinausgehenden Schulbildung.

1.1 Die Privatschulen

Diesem Bedürfnis kam eine Privatschule entgegen, die um 1830 an der Friederikenstraße von dem Kandidaten der Philologie Theodor Eylert gegründet wurde. Er unterrichtete seine Schüler in Französisch und in verschiedenen Realfächern, um sie so vor allem für kaufmännische Berufe oder die Seefahrt vorzubereiten. Offenbar überwog das Interesse für die letztere Sparte, denn bald wandelte Eylert seine Schule in eine private Navigationsschule um, die dann 1851 vom Staat übernommen und zur Königlichen Navigationsschule erhoben wurde. Die ursprüngliche Privatschule an der Friederikenstraße wurde zwar auch noch von anderen Privatlehrern weitergeführt, genügte aber bald den Ansprüchen nicht mehr. Ein Antrag an das Königliche Ministerium in Hannover, eine weiterführende Schule in Papenburg einzurichten, wurde dahingehend beschieden, das Ministerium sei bereit, einen jährlichen Zuschuss von 350 Talern zu einer solchen Schule zu geben, die Stadt müsse aber 1000 Taler jährlich garantieren und zudem das Schulhaus stellen und unterhalten. Außerdem verlangte das Ministerium das Recht, allein über die Lehrereinstellung und den Lehrplan zu befinden, wollte also die volle Aufsicht über die Schule. Das entsprach nun keineswegs den Vorstellungen von Bürgermeister und Gemeindevorstand, die ein stärkeres Mitspracherecht einforderten. Da es zu keiner Einigung kam, beschritt man in Papenburg einen anderen, etwas ungewöhnlichen Weg, um an eine weiterführende Schule zu kommen.

1.2 Schule als Aktiengesellschaft

Der Pfarrer der Antoniusgemeinde, J. B. Schulte, wurde beauftragt, die Grundzüge für eine private höhere Bürgerschule zu entwerfen, und einige Mitglieder des Gemeindevorstandes, allen voran der Senator Anton Klasen, übernahmen es, sich um die Finanzierung zu kümmern. Im "Schifffahrts- und Anzeigenblatt" vom 16. Juni 1850 erschien ein Aufruf an die Papenburger Bürger zu einer Versammlung, um über die Errichtung einer weiterführenden Schule zu beraten. Am 18. Juni 1850 trafen sich 33 Papenburger im "Bueren'schen Clublokale", und es wurde beschlossen, durch eine Aktiengesellschaft das für die Schule notwendige Kapital zu beschaffen. Ebenso wurden die von Pfarrer Schulte ausgearbeiteten Grundzüge für die Schule gebilligt. Daraufhin wurden in den folgenden Wochen Aktien zu einem Nennwert von 25 Talern vor allem unter den Papenburger Bürgern vertrieben, und bald stand ein Anfangskapital von 2.775 Talern zur Verfügung. Damit kaufte man Grundstück und Haus des Kapitäns Hermann Kramer am Hauptkanal links Nr. 66 für etwa 2.000 Taler. Auf diesem Grundstück ist die Papenburger Schule bis 1959, dem Jahr des Umzugs in den Neubau an der Russellstraße, geblieben. Der Umbau des Hauses zur Schule, die übrigen Kosten und die Lehrergehälter sollten aus der verbleibenden Summe und dem Schulgeld finanziert werden. Die Schüler bezahlten in der untersten Klasse 16 Taler, in der zweiten 20 Taler und in der dritten 24 Taler pro Jahr.

Private höhere Bürgerschule am Hauptkanal, ab 1669 städtisch (Aufnahme um 1900)

Die neue Privatschule bestand also aus drei Klassen. Ihre Ziele wurden in den "Statuten für die höhere Bürgerschule zu Papenburg" so formuliert: Der Zweck dieser Lehranstalt ist, eine Gelegenheit zur Gewinnung einer weiteren Ausbildung darzubieten, als in unseren Elementarschulen erlangt werden kann. Es sollen darin die Knaben, welche Schiffer werden wollen, in ihren Kenntnissen so weit gefördert werden können, dass sie später durch einjährigen Besuch der Navigationsschule zum Bestehen der Steuermannsprüfung sich befähigen können; diejenigen, welche sich für die Handlung ausbilden wollen, so weit, dass sie Lehrlingsstellen auf guten Comptoirs oder in guten Handlungen antreten; die aber, welche zu den höheren Studien übergehen wollen, auch so weit, dass sie mit dem vollendeten 14. oder 15. Lebensjahr in die mittleren Klassen eines Gymnasiums eintreten können.

Die Schule war im wahrsten Sinne des Wortes eine Privatschule, denn nicht einmal ihre Existenz war den Schulbehörden bekannt. Als im Jahre 1860 ein Streit um den Deutschunterricht an der Königlichen Navigationsschule zu einem Leserbrief in der Ems-Zeitung führte, kam es zu erstaunten Anfragen zwischen der Königlichen Landdrostei in Aurich, dem "Königlich Hannoverschen Katholischen Consistorium" in Osnabrück und dem Ministerium in Hannover, was es denn mit der Höheren Bürgerschule in Papenburg auf sich habe. Schließlich wurde Pfarrer Schulte als "Präses der Schule" und Mitglied der Schulkommission aufgefordert, einen Bericht über die Schule zu geben. Er nutzte die Gelegenheit, auf die Unzulänglichkeiten und schwierigen finanziellen Verhältnisse der Schule hinzuweisen:

Die sogenannte höhere Bürger-Schule ist bis jetzt eine Privatanstalt. Die Kinder, welche dieselbe besuchen, müssen nebst dem hohen Schulgelde auch noch das Schulgeld der Volksschullehrer bezahlen. Es wäre zu wünschen, dass sie zu einer öffentlichen Schule unter annehmbaren Bedingungen erhoben würde, und durch Erniedrigung des Schulgeldes recht vielen Knaben die Gelegenheit zu einer größeren Ausbildung, als ihnen in der Volksschule gegeben werden kann, geboten wird, (Knaben,) welche hier mehrenteils dem Schifferstande angehören und sich auch demselben wieder widmen, und sich auf diese Weise hier ein Schifferstand bilden könnte, wovon das Gesetz über die Steuermannsprüfung sagt: Die Schiffer sollen den gebildeten Ständen zugerechnet werden. Es wäre dann auch noch zu wünschen, dass die hier bestehende Privat-Anstalt zu einer öffentlichen erhoben und noch vollständiger eingerichtet würde, damit die Bildung allgemeiner in Papenburg würde, weil diese im Verhältnis zu den Geschäften und zeitlichen Mitteln nicht so sehr fortgeschritten ist.

Doch die Bitte blieb zunächst ohne Gehör, die Behörden sahen keinen Anlass, an den Schulverhältnissen in Papenburg etwas zu ändern. Die Situation der Schule wurde immer kritischer, weil die Schülerzahl, die zeitweilig 69 betragen hatte, bis zum Jahre 1868 auf 29 absank.

Wirtschaftlich hingegen erlebte Papenburg in dieser Zeit einen beträchtlichen Aufstieg. 1853 hatte die Gemeinde dem Grafen von Landsberg-Velen die gutsherrlichen Besitzungen und Rechte für 100.000 Taler abgekauft, 1860 erhielt sie vom Hannoverschen Innenministerium die Stadtrechte. Die neue Hannoversche Westbahn hatte 1856 ihren Betrieb aufgenommen und Papenburg endgültig an das Eisenbahnnetz angeschlossen; der Ausbau der Seeschleuse stand bevor. 1866 waren in Papenburg 200 Seeschiffe beheimatet, und in der Stadt gab es 50 Schiffsreedereien. Die als neutral anerkannte Papenburger Flagge hatte den Papenburger Kaufleuten besonders während des Krimkrieges beträchtliche Gewinne beschert.

So lag es nahe, dass der erste hauptamtliche Bürgermeister der neuen Stadt, Emil Russell, schon bald nach seinem Amtsantritt versuchte, statt der kränkelnden Privatschule eine öffentliche städtische Schule mit einer soliden finanziellen Basis zu schaffen. Er schrieb dazu:

Wenn die Stadt in ihrer Entwicklung nicht stehen bleiben will, wenn sie nicht durch die allseitige Konkurrenz unserer überall mit Dampf und Intelligenz arbeitenden Zeit überflügelt werden will, dann ist eine tüchtige Reallehranstalt ein unbedingtes Erfordernis.

Doch erst nachdem Papenburg 1866 mit dem Königreich Hannover an Preußen gefallen war, kam Bewegung in die lange erörterte Schulfrage. Nach zähen Verhandlungen mit den Behörden und den Aktionären der bisherigen Privatschule war endlich 1869 der Weg frei für eine neue öffentliche und städtische Schule.

2. Bürgerschule und Progymnasium

2.1 Die Städtische Höhere Bürgerschule 1869 - 1882

Fundament der neuen Schule war die bisherige Privatschule. Fast alle Aktionäre erklärten sich bereit, ihre Aktien der Stadt zu schenken. Auch das Schulgebäude mit Inventar wurde zunächst auf drei Jahre und dann endgültig kostenlos der Stadt überlassen. Der Provinzialschulrat Schmalfuß beriet die Stadt bei ihren Plänen und legte einen Entwurf für eine "höhere Schule mit realem Lehrplan" vor, die nach dem preußischen Normalplan von 1859 "Höhere Bürgerschule" hieß. Finanziert wurde die Schule durch das Schulgeld der Schüler, einen Zuschuss des Landes Preußen, einen Beitrag der Hannoverschen Klosterkammer, die das seit dem Jahre 1803 säkularisierte Kirchengut des Königreichs Hannover verwaltete, und im übrigen durch die Stadt Papenburg. Als schließlich der Bürgermeister Russell am 25. Oktober dem neuen Rektor der Schule die Schlüssel überreichen konnte, hatte er sein zäh verfolgtes Ziel erreicht.

Zum ersten Schulleiter war im September 1869 der Gymnasiallehrer Hermann Brandi aus Meppen gewählt worden. Außer ihm wurden die wissenschaftlichen Lehrer Gustav Overholthaus, Johannes Diekmann und Christian Bußmann eingestellt. Bußmann war schon vorher an der privaten Bürgerschule tätig gewesen.

Hermann Brandi, erster Rektor der städtischen höheren Bürgerschule 1869-1873

Die Schule begann wie die frühere Privatschule mit drei Klassen, in denen 60 Schüler unterrichtet wurden. Sie wurde dann in den folgenden Jahren zu einer siebenjährigen Schule ausgebaut, die bis zur sogenannten Primareife führte, d.h. sie schloss mit der Obersekunda, der heutigen Klasse 11, ab. So fand also 1874 die erste Abschlussprüfung, damals auch Abitur genannt, statt. Alle fünf Obersekundaner bestanden die Prüfung. Daraufhin wurde die Schule als eine "zu gültigen Entlassungsprüfungen berechtigte höhere Bürgerschule" anerkannt. Ihre Absolventen konnten in die Prima (heute Klasse 12) eines Gymnasiums eintreten oder sich zum einjährigen freiwilligen Militärdienst melden - daher der Name "Einjähriges" für diese Prüfung.

Die Höhere Bürgerschule war nach ihrem Statut von 1871 eine städtische Schule. Damit war die Stadt nicht nur Schulträger im heutigen Sinn, sondern die städtischen Kollegien wählten auch den Rektor der Schule und die Lehrer, die angestellt werden sollten. Der Schulbehörde blieb lediglich die Bestätigung der Wahl oder der Einspruch. Der Stadtkämmerer erhob das Schulgeld, dessen Höhe von der Stadt festgelegt wurde. Außerdem hieß es in § 2 des Statutes: "Der konfessionelle Charakter der Schule ist der katholische. Demnach müssen sowohl die Mitglieder der Schulkommission als auch die Lehrkräfte der katholischen Confession angehören. "

Die Bürgerschule zeigte in den ersten Jahren ihres Bestehens eine ruhige, beständige Entwicklung. Obgleich der erste Rektor Hermann Brandi die Schule bereits nach vier Jahren verließ, weil er in die Schulbehörde und schließlich in das preußische Kultusministerium nach Berlin berufen wurde, hatte er doch in diesen wenigen Jahren der Schule ein festes Fundament gegeben. Die Schülerzahl stieg kontinuierlich und erreichte unter dem zweiten Rektor Dr. Theodor Erdmann im Jahre 1877 mit 142 Schülern einen ersten Höchststand.

2.2 Das Realprogymnasium 1882 - 1907

1882 wurde die Schule auf Grund der allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen in Realprogymnasium umbenannt. Das hatte nur geringe Auswirkungen auf den Lehrplan. Durch die Benennung wurde aber deutlich, dass die Schule dem Realgymnasium zugeordnet war, einer Schulart, die im Unterschied zu den humanistischen Gymnasien, in denen die alten Sprachen Griechisch und Latein im Mittelpunkt standen, ihr Schwergewicht in den neueren Fremdsprachen, Mathematik und den Naturwissenschaften hatte. Größere Auswirkungen hatte es, dass die Realprogymnasien im folgenden Jahre das Recht erhielten, den Schülern schon nach einjährigem Besuch der Sekunda (heute Ende der Klasse 10) die Berechtigung zum einjährigen freiwilligen Militärdienst ohne besondere Abschlussprüfung zuzusprechen. Nun verließen fast alle Schüler die Schule zu diesem Zeitpunkt, denn der Besuch der Obersekunda (Klasse 11 ) und die Abschlussprüfung waren nur noch für diejenigen erforderlich, die die Prima eines Gymnasiums besuchen wollten und ein Universitätsstudium anstrebten. So bestand die Obersekunda in den nächsten Jahren nur aus zwei bis fünf Schülern.

Im Jahre 1892 verloren dann alle Progymnasien die Obersekunda; die Schulzeit wurde auf sechs Jahre reduziert, aber das "Einjährige" wurde jetzt wieder vom Bestehen einer Prüfung abhängig gemacht. In dieser Form hat das Realprogymnasium in Papenburg bis zum Jahre 1907 bestanden. Im Durchschnitt wurde es von etwa hundert Schülern besucht.

 
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