Schulchronik Gymn. Pbg.
 

Gymnasium Papenburg

5. Die Staatliche Aufbauschule 1936 - 1957

5.1 Die Umwandlung der Schule

Etwa ein Jahr nach der Entlassung Dr. Diekmanns wurde im Herbst 1934 Dr. Rudolf Knoke Direktor des Realgymnasiums. Nach seinen eigenen Worten war ihm bedeutet worden, es werde sich für ihn in Papenburg wohl nur um eine vorübergehende Tätigkeit handeln, da man beabsichtige, die nicht mehr lebensfähige Papenburger Schule aufzulösen. Besondere Sympathien konnte eine Schule, die in ihrem Anstaltsstatut immer noch ihren katholischen Charakter herausstellte, bei der Partei und den Behörden in dieser Zeit auch nicht erwarten.

Nur noch 143 Schüler besuchten das Realgymnasium, und für die finanziellen Probleme der Schule zeichnete sich auch weiterhin keine Lösung ab. So schien das Schicksal der Schule besiegelt, als sich überraschend eine Möglichkeit der Rettung bot, die von allen Beteiligten, besonders aber von Dr. Knoke, mit aller Energie aufgegriffen wurde. Die Staatliche Aufbauschule in Osnabrück war ebenfalls in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Sie war bis dahin von einigen Landkreisen des Regierungsbezirks Osnabrück - auch dem Kreis Aschendorf - mitfinanziert worden. Nun aber sahen sich die Landkreise nicht mehr in der Lage, weiterhin ihren Zuschuss für eine weit entfernte Schule, die kaum von Kindern ihres Bereichs besucht wurde, zu zahlen. Die Regierung ihrerseits aber war nicht bereit, den Unterhalt der Schule ganz zu übernehmen, und beschloss, sie aufzugeben. Dieses Vorhaben der Regierung bedeutete nun aber überraschenderweise für die Papenburger Schule die Rettung, denn Dr. Knoke konnte die Preußische Unterrichtsverwaltung dafür gewinnen, das Papenburger Realgymnasium in eine Aufbauschule umzuwandeln und das bislang für die Osnabrücker Aufbauschule aufgewendete Geld nun für Papenburg zur Verfügung zu stellen.

Dr. Knoke sah aber in dieser Umwandlung nicht nur eine finanzielle Transaktion. Er war überzeugt, dass die Aufbauschule für die Stadt Papenburg und den Kreis Aschendorf die geeignete Schulform sei. Er schreibt dazu:

Die Unterhaltung des Hindenburg-Realgymnasiums, die der Stadt Papenburg obliegt, ist infolge der finanziellen Notlage der Stadt in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden. Der Grund hierfür liegt einerseits in einer völligen Wandlung der wirtschaftlichen Struktur der Stadt, durch die die Stadtverwaltung vor große neue finanzielle Aufgaben gestellt wurde. Andererseits sanken die Schulgeldeinnahmen der Stadt von Jahr zu Jahr, da der Lebensraum der Anstalt von den zahlreichen umliegenden Rektoratsschulen (Es handelt sich dabei um Vorläufer der heutigen Realschulen, d. Verf.) eingeengt wurde. Diese Verhältnisse machten eine grundlegende Änderung der höheren Schule notwendig. Sie musste auf eine breitere finanzielle Basis gestellt werden, dass der Bevölkerung des weiten, an Verkehrslinien armen Kreises der Besuch der höheren Schule in Papenburg erleichtert wurde. Das führte nach langen Verhandlungen zum Abschlusse eines Vertrages zwischen der Preußischen Unterrichtsverwaltung und der Stadtgemeinde Papenburg, durch den die Umwandlung des Realgymnasiums in eine Aufbauschule vereinbart wurde. Auf Grund des Erlasses des Herrn Ministers vom 17.3.1936 wurde die Umwandlung in eine Deutsche Oberschule in Aufbauform Ostern 1936 beschlossen ... Das Realgymnasium wird somit klassenweise abgebaut und die Aufbauschule klassenweise aufgebaut.

Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Schulformen bestand darin, dass die Aufbauschule erst nach sechs Volksschuljahren mit Klasse 7 begann und in sieben Jahren zum Abitur führte. Die erste Fremdsprache, Englisch, begann in Klasse 7, die zweite Fremdsprache, Latein, in Klasse 8. Als die gymnasiale Schulzeit 1937 in Deutschland generell auf acht Jahre verkürzt wurde, traf das auch die Aufbauschule. Jetzt musste sie ihre Schüler in sechs Jahren zum Abitur führen.

Mit der Umwandlung des Schultyps wurde auch die Verstaatlichung der Schule zum l. April 1939 beschlossen, d.h. das Land Preußen übernahm alle Kosten der Schule - Sachkosten und Lehrergehälter -, erhielt aber auch die alleinige Aufsicht. Die Stadt Papenburg hatte von nun an keinerlei Einfluss mehr auf die Schule.

Schon 1872 hatte Brandi dem Magistrat der Stadt ohne Erfolg vorgeschlagen, die Schule zu verstaatlichen. Auch im Jahre 1915 hatte die Schulkommission der Stadt einen ähnlichen Antrag abgelehnt. Die Gründe werden im Protokollbuch der Kommission nicht ausdrücklich genannt, doch gibt es Hinweise, dass man den katholischen Charakter der Schule erhalten wollte. Nun aber stimmte die Stadt wegen ihrer finanziellen Situation der Verstaatlichung gerne zu.

5.2 Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Wie in alle Bereiche des öffentlichen Lebens drangen seit 1933 nationalsozialistische Ideen und Forderungen immer stärker auch in die Schule ein. Da die Schulakten aus dieser Zeit durch Kriegseinwirkungen großenteils verlorengegangen sind, lässt sich nur unvollständig über diese Zeit berichten. Die Jahresberichte für die Schulbehörde sind zwar erhalten, doch bestehen sie, soweit es politische Vorgänge angeht, zum großen Teil aus Vollzugsmeldungen irgendwelcher Anordnungen in allgemeinster Form. Die wirklichen Vorgänge lassen sich hinter diesen Formulierungen nur erahnen. Als die Tätigkeit der verschiedenen Schülergruppen im sportlichen und konfessionellen Bereich, über die vor 1933 ausführlich berichtet worden war, immer mehr behindert wurde, heißt es lapidar: "Die bisher vorhandenen Schülervereine wurden in ihrer Tätigkeit vereinfacht". In Wirklichkeit mussten diese Gruppen aufgegeben werden, weil die Hitlerjugend die Monopolstellung in der Jugendarbeit beanspruchte. Häufig wiederholen sich auch stereotype Formulierungen. So heißt es in allen Jahresberichten von 1936 - 1945: "Sämtliche Schülerinnen und Schüler gehörten im Berichtsjahr der HJ (Hitlerjugend) an", obgleich es in diesen Jahren Schüler gab, die sich nie um die HJ gekümmert, ja ihr nicht einmal formal angehört haben. Die Schule hat die Zugehörigkeit zur HJ zumindest während der Kriegsjahre auch nie überprüft.

1934 wurde Studienrat Theodor Keseling nach Papenburg strafversetzt. Er musste als ausgewiesener Gegner des Nationalsozialismus auf Grund des ominösen "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" zusammen mit drei anderen Gymnasiallehrern Duderstadt verlassen. Der nationalsozialistische Bürgermeister der Stadt Papenburg suchte die Versetzung Keselings nach Papenburg zu verhindern, indem er angab, man sehe die nationale Erziehung der Jugend durch diesen Lehrer gefährdet. Die Versetzung fand trotzdem statt. Im Jahresbericht werden diese Hintergründe nicht erwähnt. Die Versetzung Keselings wird lediglich wie die eines jeden anderen Lehrers mitgeteilt.

Die Papenburger Schule war sicher keine Hochburg des Nationalsozialismus, wenn auch einige Lehrer sich zur Partei und ihren Ideen bekannten. Nach den übereinstimmenden Berichten der Schüler dieser Zeit überwog bei den Lehrern die kritische Distanz zu den Lehren und Maßnahmen des NS-Staates, was bisweilen auch im Unterricht spürbar wurde. Es ist aber nicht bekannt, dass es Widerstand oder offene Ablehnung gegeben hätte, auch nicht, als am 9. November 1938 die Schüler von ihren Klassenräumen aus sehen konnten, wie die nahegelegene Synagoge in Flammen aufging. Andererseits ist kein Fall bekannt, dass Schüler aus politischen Gründen von der Schule verwiesen oder sonstwie drangsaliert wurden.

Im übrigen liefen die Rituale des nationalsozialistischen Staates wie überall ab. Das Schuljahr begann und endete mit dem Hissen der Hakenkreuzfahne auf dem Schulhof und dem gemeinsamen Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Liedes. In den Lehrerkonferenzen mussten nun Referate über die Ziele der nationalsozialistischen Erziehung gehalten wer den, die Lehrer wurden zu politischen Schulungskursen einberufen, und die Schule wurde mit Hitler-Bildern überschwemmt. Statt des bisherigen Elternbeirates gab es nun die "Jugendwalter", zu denen auch HJ-Führer und der Ortsgruppenleiter der NSDAP gehörten.

Als 1939 die von katholischen Ordensschwestern geleitete Ursulinenschule für Mädchen aus politischen Gründen von den nationalsozialistischen Behörden geschlossen wurde, ging ein großer Teil der Mädchen zur Aufbauschule über, und damit erhöhte sich der Anteil der Schülerinnen sprunghaft.

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Doch nun war anders als 1914 an der Schule nichts von Begeisterung zu spüren. Es heißt nur lakonisch im Jahresbericht, die Schule habe an den Ereignissen regen Anteil genommen. Wie 1914 wurden die wehrfähigen Lehrer zum Kriegsdienst einberufen, darunter auch der Direktor der Schule, Dr. Knoke. Stattdessen wurden pensionierte Lehrer reaktiviert, andere wurden über die Pensionsgrenze hinaus beschäftigt. Wieder wurde der Unterricht in fast allen Fächern gekürzt, Kunst- und Musikunterricht fanden gar nicht mehr statt, Sportunterricht erteilte ein Papenburger Handwerksmeister, der ein begeisterter Turner war. Die älteren Schüler wurden ebenfalls zur Wehrmacht einberufen. Die Abiturprüfungen wurden vorverlegt, oder die Schüler erhielten eine Bescheinigung, dass sie nach dem angekündigten "Endsieg " auch ohne Abitur zum Studium zugelassen würden. Wie im Ersten Weltkrieg gab es wieder wegen des fehlenden Heizmaterials Kälteferien, und wie damals wurden die Schüler wieder zu Sammlungen jeder Art verpflichtet. Diese brachten jedoch mehr Probleme als erwartet:

Die Sammlung der Heilpflanzen unter Leitung der Studienrätin Specker wurde fortgesetzt. Leider konnte ein Teil des Sammelgutes aus 1942 infolge Verkehrsschwierigkeiten bei der Reichsbahn nicht zur Absendung gelangen und wird erst jetzt zum Transport gelangen. Die unter der Führung des Studienrats Hehenkamp stehende Sammlung an Knochen kam leider nicht in Fluß, weil die Knochen nicht abgeholt wurden (und auf dem Schulgelände einen üblen Geruch verbreiteten, d.Verf.). Herr Studienrat Helming übernahm die Führung der Maßnahmen der Schule zur Schädlingsbekä'mpfung des Kreises Aschendorf, die in der Zeit vom 15.4. bis 15.6. stattfand. Es wurden 290 Spatzen abgeliefert, 16 Dohlen, 7 Elstern, 55 Spatzennester mit Gelege vernichtet, ebenso 14 Dohlennester und 49 Elsternnester. Die abliefernden Schüler erhielten für einen abgelieferten Spatzen je ein Pfund Hafer, für eine Dohle oder Elster 2 Pfund Hafer, für zerstörte Nester 2 Pfund bzw. 3 Pfund Hafer durch die Kreisbauernschaft. Insgesamt wurden dabei 635 Pfund Hafer ausgeteilt. Die Klasse 5J (heute Klasse 9), bestehend aus 32 Jungen war vom 18.8. bis 15.9. eingesetzt zur Sanddornbeerenernte in Norderney. (Jahresbericht 1942 / 43)

Den Kontakt zwischen den Schülern und Lehrern, die nun zum Kriegsdienst eingezogen waren, suchte Studienrat Helming zu halten. Er verschickte alle zwei Monate einen Rundbrief, in dem er mitteilte, was ihm über den Aufenthalt und das Schicksal der bisherigen Schüler bekanntgeworden war. Bald hatte er eine Art Nachrichtenzentrale aufgebaut, in der man Anschriften erfragte oder um die Weiterleitung von Nachrichten bat. Aus vielen Äußerungen der Ehemaligen, die damals als Soldaten im Krieg waren, geht hervor, dass sie diese mühevolle Arbeit sehr hoch eingeschätzt haben und sehr dankbar dafür gewesen sind.

Der Luftkrieg mit seinen immer häufigeren Angriffen machte es erforderlich, dass die Keller der Schule als Luftschutzräume hergerichtet wurden. Wurden sie zunächst auch nur selten in Anspruch genommen, so musste im Schuljahr 1943 / 44 bereits an 52 Schultagen der Unterricht wegen Fliegeralarms unterbrochen werden. Geregelter Unterricht war nur zwischen acht und zehn Uhr morgens zu erwarten, bisweilen begann der Unterricht wegen längeren Luftalarms in der Nacht aber auch erst um zehn Uhr. Eine mehrstündige Klassenarbeit konnte oft nur nach mehreren Anläufen ohne Störung zu Ende gebracht werden. So wurde der ohnehin stark eingeschränkte Unterricht noch weiter reduziert.

1943 wurden 13 Schüler der 6. Klasse (heute Klasse 10) als "Luftwaffenhelfer" nach Herbrum eingezogen. Sie wurden dort an den Flakgeschützen eingesetzt, die die Schleuse gegen Luftangriffe schützen sollten. Zusätzlich wurden sie dort in ihren Unterkünften von den Lehrern ihrer Schule unterrichtet. Zunächst erschien der Einsatz wenig gefährlich, doch bei einem kurze Zeit später stattfindenden Luftangriff auf die Schleuse kamen mehrere der Luftwaffenhelfer ums Leben. Dennoch wurden in der Folgezeit weitere Schülergruppen bei der "Heimatflak" eingesetzt. Diese etwa 15 Jahre alten Jungen mussten an drei Tagen der Woche bei der Flak an der Papenburger Seeschleuse Dienst tun, an den anderen drei Tagen besuchten sie die Schule.

Anfang 1945 musste das Schulgebäude am Hauptkanal geräumt werden; die Wehrmacht beanspruchte das Haus und machte es zum Reserve-Lazarett. Möbel, Bücher und Schulakten wurden auf dem geräumigen Boden verstaut. Der Unterricht fand noch einige Zeit provisorisch an verschiedenen Stellen des Untenendes im Amtsgericht, dem Konfirmandensaal der evangelischen Kirche, der früheren Ursulinenschule - statt, bis er mit Beginn der Osterferien 1945 völlig zum Erliegen kam.

5.3 Neuanfang nach 1945

Etwa ein halbes Jahr nach Kriegsende wurde am 15. Oktober 1945 der Unterricht unter sehr schwierigen Bedingungen wiederaufgenommen. Das Schulgebäude stand auch weiterhin der Schule nicht zur Verfügung. Es wurde nun von der UNRRA (United Nations Reconstruction and Rehabilitation Administration) in Anspruch genommen, einer Organisation, die die im Krieg verschleppten Menschen betreuen, vorläufig unterbringen und dann nach Hause zurückbringen sollte. Da in Papenburg auch viele Privathäuser von den Besatzungstruppen beschlagnahmt worden waren, war es schwierig, für den Unterricht geeignete Räume zu finden. Schließlich gelang es aber doch, an vier verschiedenen Stellen der Stadt Räume zu mieten:

- im Amtsgericht am Hauptkanal,

- in der alten evangelischen Schule an der Friederikenstraße (heute Heimatmuseum),

- im Gemeindehaus der evangelischen Kirche,

- in der Imkerschule, einer Baracke am Anfang des Graden Weges.

Graffiti auf Schülerbänken

Nur mit Mühe konnte man notdürftig für diese Räume Stühle und Tische beschaffen. Wegen des Raummangels wurden die Klassen im Wechsel am Vormittag und Nachmittag unterrichtet. Die Lehrkräfte hatten zwischen den Unterrichtsstunden weite Wege zurückzulegen, um zu den Unterrichtsräumen zu gelangen. Deshalb wurde der Unterricht in Stundenblöcken zu 90 Minuten erteilt, dazwischen lagen 30 Minuten Pause. Diese Fußmärsche von 10 bis 15 km pro Tag belasteten die Lehrkräfte neben allen anderen Schwierigkeiten dieser Nachkriegsjahre zusätzlich. Unterricht fand zunächst fast nur in den Hauptfächern statt; die Fächer Geschichte, Erdkunde, Musik, Sport und Chemie konnten gar nicht erteilt werden. In den Unterrichtsräumen standen einfache Öfen, die mit Torf geheizt wurden, den die Eltern zur Verfügung gestellt hatten und der von den Schülern in Handwagen herangekarrt wurde. Diese Öfen gaben viel Rauch und wenig Wärme ab, so dass die Schüler und Lehrer, die Mäntel besaßen, sie während des Unterrichts nicht abzulegen brauchten. Trotz allem war das Amt des Ofenheizers bei den Schülern begehrt, konnte man sich doch so unangenehmen Fragen des Lehrers nach Hausaufgaben etc. entziehen. Schulbücher gab es zunächst nicht. Die Bücher aus der Nazizeit waren verständlicherweise verboten, neue wurden noch nicht wieder gedruckt. Selbst Schreibpapier war äußerst schwer zu beschaffen.

Der britische Miltärkommandant in Aschendorf untersagte in Herbst 1945 der Schule, weiterhin den Namen "Hindenburgschule" zu führen; sie hieß seitdem wieder "Staatliche Oberschule für Jungen in Aufbauform". Als der Unterricht im Herbst 1945 wiederaufgenommen wurde, besuchten 139 Jungen und 108 Mädchen in 11 Klassenverbänden die Schule. Dazu kamen noch die 19 Schülerinnen und 21 Schüler, die nach dem 1. Januar 1942 den sogenannten "Reifevermerk" erhalten hatten. Sie mussten nun aber doch entgegen den Zusagen aus der Kriegszeit sechs Monate lang an einem "Übergangskurs" teilnehmen und eine Prüfung ablegen, um die Berechtigung zum Universitätsstudium zu erlangen. Diese Prüfung war 1946 die erste Abschlussprüfung nach dem Krieg. Die erste eigentliche Abiturprüfung fand 1947 wieder statt.

Am 1. Juli 1947 wurde das Schulgebäude am Hauptkanal wieder freigegeben. Das Haus war in einem üblen Zustand. Es musste zunächst gründlich gesäubert und notdürftig hergerichtet werden. Die Reinigung übernahmen die Lehrkräfte zusammen mit den Schülerinnen und Schülern selbst. Die notwendigsten Reparaturen wurden von einigen Handwerkern erledigt. Das Mobiliar und die Lehrmittel, die 1945 auf den Boden gebracht worden waren, konnten nicht mehr

benutzt werden. Sie waren überwiegend zerstört oder unbrauchbar nur die Lehrerbücherei konnte zum großen Teil gerettet werden. Doch bald konnte der Unterricht auf bunt zusammengewürfeltem Mobiliar wieder in der alten Schule beginnen. Da die Schulbehörde auch einige weitere Lehrkräfte einstellte, wurden nun wieder alle Fächer unterrichtet.

Die Zahl der auswärtigen Schüler nahm immer mehr zu. Weil die Verkehrsverhältnisse immer noch sehr schlecht waren, plante man die Einrichtung eines Schülerheims, in dem weiter entfernt wohnende Schüler und Flüchtlingskinder untergebracht werden sollten. Es gelang, für diesen Zweck einige Räume in der ehemaligen Königlichen Navigationsschule am Gasthauskanal anzumieten. Das Bistum Osnabrück erklärte sich bereit, die Trägerschaft zu übernehmen. Nach dem erforderlichen Umbau konnte das Heim am 1.6.1948 eröffnet werden, und bald hatte es Platz für 35 Schüler.

Lehrerkollegium der Aufbauschule 1948

1948 wurde die Aufteilung der Klassen nach Geschlechtern aufgegeben. Zum ersten Mal wurde ab Klasse 10 nach Interesse und Wahl der Schüler ein sprachlicher und ein mathematisch-naturwissenschaftlicher Zweig eingerichtet.

Nach der Währungsreform 1948 und der Gründung der Bundesrepublik 2949 normalisierte sich das Schulleben immer mehr. Es fanden wieder Klassenfahrten statt, das Schülerrudern begann wieder, Arbeitsgemeinschaften wurden wieder angeboten. Erstmalig kam nun auch ein Schüleraustausch mit einer englischen Schule zustande. Fünf Schülerinnen der High School for Girls aus Sutton-Coldfield besuchten 1950 für einige Zeit die Papenburger Schule. Doch die erste dauerhafte Schulpartnerschaft mit einer ausländischen Schule entstand erst viel später. Als im September 1967 das Gymnasium Papenburg in Verbindung mit der Königlichen Botschaft der Niederlande in Bonn eine "Begegnung mit den Niederlanden" veranstaltete und in dieser Woche neben anderen Niederländischen Schulen auch die "Rijksscholengemeenschap Ter Apel" zu Sportwettkämpfen und einem Schülertreffen einlud, entstand daraus eine seitdem andauernde Partnerschaft mit dieser Schule.

Im Jahre 1953 wurde die gymnasiale Schulzeit wieder auf 13 Jahre verlängert; das bedeutete auch für die Aufbauschule die Wiederherstellung des alten Zustandes, also eine Verlängerung auf sieben Jahre. Da zudem die Zahl der Anmeldungen immer mehr anstieg - im Jahre 1953 waren es 77 Anmeldungen für Klasse 7 -, hatte die Schule wieder mit dem leidigen Raumproblem zu kämpfen. Zunächst hatte man sich mit Wanderklassen und Unterrichtskürzungen beholfen, doch nun war auch diese Möglichkeit erschöpft. So erwarb die Schule eine Baracke, die früher im Konzentrationslager Esterwegen gestanden hatte, und stellte sie als Provisorium auf dem Schulhof auf. Nach einigen Umbauten bot sie - nun Gartenhaus genannt - vier Klassen Platz.

6. Gymnasium Papenburg

6.1 Neue Schulform und neues Schulgebäude

1954 änderten sich durch das Niedersächsische Schulverwaltungsgesetz die rechtlichen Bedingungen für alle Schulen des Landes. Nun wurden alle Lehrer Landesbeamte, die Kommunen wurden als Schulträger für die sächlichen Kosten der Schulen zuständig. Für die Papenburger Aufbauschule erhob sich damit die Frage, ob die Trägerschaft wieder an die Stadt Papenburg fallen sollte. Doch weil die finanzielle Situation der Stadt immer noch problematisch war und weil der größere Teil der Schüler nicht mehr aus Papenburg, sondern den übrigen Orten des Landkreises Aschendorf-Hümmling kam, wurde die Trägerschaft dem Landkreis übertragen. In seiner Nachfolge ist heute der Landkreis Emsland Schulträger des Gymnasiums Papenburg.

Graffiti auf Schülerbänken

Durch das 1956 folgende Niedersächsische Schulgesetz erhielten alle höheren Schulen die Bezeichnung Gymnasium; durch Zusätze wurden die Schulen genauer charakterisiert. So führte die bisherige Aufbauschule ab 1957 den Namen "Gymnasium Papenburg - Neusprachliches und mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium in Kurzform". Doch schon ein Jahr später wurde zum ersten Mal seit den Zeiten des alten Realgymnasiums wieder eine Klasse 5 eingerichtet. Die Verkehrsverhältnisse hatten sich durch die Einführung von Schülerbussen wesentlich gebessert und damit die Schulwegbelastungen deutlich verringert. Deshalb wollten viele Eltern ihre Kinder jetzt schon nach vier Grundschuljahren zum Gymnasium schicken, wie das in den meisten anderen Städten und Regionen üblich war. Einige Jahre bestanden beide Schulformen in Papenburg nebeneinander, und die Schule führte nun den voluminösen Untertitel "Neusprachliches und mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium in Lang- und Kurzform". Weil aber die Anmeldungen für die Kurzform ab Klasse 7 immer mehr abnahmen, wurde ab 1962 keine Anfangsklasse dieses Zweiges mehr eingerichtet.

Das rasche Anwachsen der Schülerzahl auf etwa 400 erforderte gründliche Baumaßnahmen. Es zeigte sich, dass das bisherige Schulgebäude am Hauptkanal sich nicht ausreichend erweitern ließ. Deshalb erwarb der neue Schulträger, der Landkreis Aschendorf-Hümmling, ein Gelände an der Russellstraße und schrieb einen Wettbewerb für einen Schulneubau aus, an dem sich 39 Architekten beteiligten. Der erste Preis wurde 1956 dem gemeinsamen Entwurf von Diplomingenieur Heinz Richter aus Münster, einem ehemaligen Schüler der alten Aufbauschule, und dem Architekten Mecklenburg aus Papenburg zuerkannt. Nach deren Plänen wurde dann mit dem Neubau begonnen und im November 1957 der Grundstein des heutigen Schulgebäudes an der Russellstraße gelegt. Eingemauert wurden eine Urkunde, ein Lehrer- und ein Schülerverzeichnis. Die Urkunde hat folgenden Wortlaut:

Das Gymnasium Papenburg, gegründet am 25. Oktober 1869 als Städtische Höhere Bürgerschule, umgestaltet am 31. März 1882 zum Realprogymnasium, ausgebaut Ostern 1910 zum Realgymnasium, umgewandelt am 1. April 1936 in eine Aufbauschule, unterhalten während sieben Jahrzehnten von dem Opfersinn der Papenburger Bürgerschaft, übereignet am 1. April 1939 dem preußischen Staat und 1945 dem Lande Niedersachsen, wurde am 1. April 1954 vom Landkreis Aschendorf Hümmling in Betreuung und Obhut übernommen und am 1. April 1957 in ein Neusprachliches und Mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium in Lang- und Kurzform erweitert. Ursprünglich eine Schule mit dem Blick zum Hauptkanal, bestimmt für die Ausbildung des seemännischen Nachwuchses der Handels- und Schifferstadt Papenburg, im Laufe der Jahrzehnte entwickelt zu einer weit über die Stadtgrenzen hinausgreifenden Bildungsanstalt des ganzen Landkreises Aschendorf Hümmling, soll das Gymnasium an dieser Stelle eine neue Stätte finden und seine Aufgabe erfüllen als Bildungszentrum der heranwachsenden Jugend, als kultureller Mittelpunkt des Landkreises, als Hüter des abendländischen-christlichen Kulturguts und als Pflegestätte der Liebe zur Heimat.

Dieser Grundstein wurde gelegt am 21. November im Jahre des Herrn 1957.

Sanders, Landrat

Dr. Fischer, Oberkreisdirektor

Dr. Knoke, Oberstudiendirektor

Am 23. Oktober 1959 war es dann endlich soweit - der Umzug in den Neubau an der Russellstraße fand statt. Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler transportierten selbst das Mobiliar und die Schuleinrichtung vom Hauptkanal in das neue Gebäude. Alle freuten sich über die großen, hellen Räume. Es gab keine Wanderklassen mehr, jede Klasse hatte ihren eigenen Klassenraum. Für die meisten Fächer waren die Fachräume bereits fertiggestellt; in den nächsten Jahren folgten der Bau der Aula (1961 ), der Turmhalle (1962) und des Kunsttrakts (1965). Das schöne und großzügige Schulgebäude schien das Raumproblem der Papenburger Schule endgültig gelöst zu haben, und niemand hätte sich bei der Einweihung 1959 vorstellen können, dass schon zehn Jahre später wieder die ersten Baracken als Notklassenräume auf dem Schulhof stehen würden.

Gymnasium an der Russellstraße um 1960

6.2 Lehrermangel

Als Dr. Rudolf Knoke im Jahre 1966 nach 32 Jahren als Schulleiter die Schule seinem Nachfolger Dr. Martin Mühmelt übergab, zeichnete sich bereits ein neues schwerwiegendes Problem ab - der Lehrermangel. Einerseits nahm überall die Schülerzahl der Gymnasien rapide zu, andererseits ging die Zahl der Lehramtskandidaten zurück. Schulen in ländlichen Gebieten wie das Papenburger Gymnasium litten erheblich mehr unter dem Lehrermangel als Großstadtschulen. Der neue Schulleiter musste einen erheblichen Teil seiner Arbeit investieren, um junge Lehrer für Papenburg zu gewinnen oder auf andere Weise die Unterrichtsversorgung sicherzustellen. Mit finanzieller Unterstützung des Schulträgers wurden ganze Studienseminare eingeladen, die Papenburger Schule zu besuchen und sich zu überzeugen, dass sich auch im Emsland leben und unterrichten ließ. Tatsächlich gelang es auf diese Weise auch, einige junge Assessoren für Papenburg zu gewinnen. Darüber hinaus wurden Lehrer anderer Schularten angeworben, mit einigen Stunden oder ganz an das Gymnasium zu kommen. Schließlich wurden bestimmte Fächer in einigen Klassen auch von Studenten oder Angehörigen anderer Berufe (Architekten, Richter) erteilt. Der Elternrat verfasste Resolutionen an das Kultusministerium, der Kreistag schaltete sich ein und forderte dringend Lehrkräfte für das Gymnasium. Dennoch wurde der Unterrichtsausfall immer größer und betrug Ende der sechziger Jahre mehr als 20 Prozent des Unterrichtssolls.

6.3 Erste Reformen der Oberstufe

Die gymnasiale Oberstufe wurde bereits vor der grundlegenden Reform von 1976 schrittweise verändert. 1962 wurden für die Klassen 12 und 13 Wahlpflichtfächer eingeführt, um die Zahl der Unterrichtsfächer in den beiden letzten Schuljahren zu reduzieren und um andere dafür intensiver betreiben zu können. So wählten die Schüler des neusprachlichen Zuges zwischen den Fächern Chemie, Physik und Biologie, die des mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweiges zwischen den Fächern Chemie, Biologie oder Englisch. Außerdem war eines der beiden Fächer Musik oder Kunst zu wählen. Doch wegen des Lehrermangels war in vielen Jahren keine echte Wahl möglich, da nur die Fächer zur Wahl gestellt werden konnten, für die Lehrer zur Verfügung standen.

1965 wurde zum ersten Mal eine Klasse für Realschulabsolventen eingerichtet, die nach eigenen Lehrplänen in drei Jahren auf das Abitur vorbereitet wurden. Dieser Zweig sollte die Durchlässigkeit zwischen den Schularten verbessern und setzte in gewisser Weise die Tradition der alten Aufbauschule fort, die ja auch gerade den Jugendlichen, die sich erst spät für den Besuch des Gymnasiums entschieden, eine Chance geben wollte. Diesen Weg zu gehen, verlangte den betreffenden Schülerinnen und Schülern viel Einsatz ab. Doch bis zur Einführung der allgemeinen Oberstufenreforrn 1976 hat es in allen Schuljahren an der Schule diese Klassen für Realschulabsolventen gegeben.

Im Jahre 1968 wurden für die Fächer Deutsch, Gemeinschaftskunde und Religion am Gymnasium Papenburg Pflichtwahlkurse eingeführt, d.h. in diesen Fächern wurde - wie ab 1976 in allen Fächern - der Klassenverband aufgegeben, und die Schüler konnten und mussten einen der angebotenen Kurse dieses Faches wählen.

6.4 Jubiläum und Unruhen

1969 feierte die Schule ihr hundertjähriges Bestehen. Einer der glanzvollen Höhepunkte war die Aufführung großer Teile der "Carmina Burana" von Carl Orff. Aber während der Jubiläumstage kam es auch zu einem ersten Höhepunkt der Schülerproteste, die ausgehend von den "achtundsechziger" Unruhen an den Universitäten und den Großstadtgymnasien nun auch auf Papenburg übergriffen. Bereits ein Jahr zuvor waren auf Flugblättern, einer beliebten Protestform dieser Jahre, Reformen der Schule, vor allem ein größeres Mitspracherecht der Schüler, gefordert worden. Das Rauchverbot in der Schule wurde bekämpft, Mitsprache der Schüler bei der Unterrichtsplanung und Zensurengebung gefordert und die Schulordnung, z.B. die Anordnung, in den Pausen die Schule verlassen zu müssen, als antiquiert abgelehnt. Es wurde daraufhin ein "Schlichtungsausschuss" aus Lehrer- und Schülervertretern gebildet, der Streitigkeiten bei der Zensurengebung oder in Disziplinarangelegenheiten gütlich beilegen sollte. Außerdem wurde ein "Gemeinsamer Ausschuss" gebildet, in dem Lehrer-, Schüler- und Elternvertreter gemeinsam mit dem Schulleiter anstehende Probleme erörtern und Vorschläge für die Gesamtkonferenz erarbeiten sollten. Beide Einrichtungen konnten jedoch den grundsätzlichen, oft politisch motivierten Protest mancher Schüler und ihrer Vertreter gegen die Schule nicht ausräumen.

Graffiti auf Schülerbänken

So kam es während der Jubiläumsfeiern zu einer neuen Flugblattaktion einer zunächst anonymen Schülergruppe, in der die Schule und einige ihrer Lehrer scharf angegriffen wurden. "Der Schlichtungsausschuß hatte mit der Flugblattaffäre seinen ersten Fall zu bearbeiten," so der Schulleiter in seinem Jahresbericht, "doch die Schwierigkeiten und das Gewicht des Falles zeigten die Grenzen des Schlichtungsverfahrens sehr deutlich. Der Gemeinsame Ausschuß erhielt den Auftrag, eine Schulordnung auszuarbeiten, kam jedoch nicht zu einem Ergebnis".

Die Auseinandersetzungen zwischen den Schülervertretern und einem Teil der Oberstufenschüler einerseits und der Schulleitung und vielen Lehrern andererseits dauerten in der folgenden Zeit an oder flammten immer wieder auf, so dass es mehrere Jahre lang nicht mehr möglich schien, gemeinsame Schulfeiern zu planen oder gemeinsam Feste zu feiern. Auch die bis dahin üblichen, von den Klassen 11 mit großem Einsatz vorbereiteten Oberstufenfeste oder gemeinsame Abiturfeiern fanden nicht mehr statt. Die Abiturienten holten sich ihre Zeugnisse gegen Quittung im Sekretariat ab. Erst in der Mitte der siebziger Jahre begann das Schulklima sich wieder zu verändern, und es entstanden durch Kursfeten, Schulfeste, Abigags, Abifeten etc. auch neue Formen, gemeinsam in der Schule zu feiern.

 
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